Die alte Dame von Zimmer 10

Schon beim Betreten ihres Zimmers bemerkte ich die positive Ausstrahlung dieser Frau. Wie eine Königin saß sie im großen Lehnstuhl, ein bunter Morgenmantel umhüllte ihr Nachthemd.

Ohne lange nachzudenken sprach ich sie auf ihre positive Ausstrahlung an. Sie lächelte durch ihre Brillengläser: “Sie müssen wissen, am 5.April werde ich 97 Jahre alt und habe schon sehr viel erlebt. Meine positive Lebenseinstellung ist ein Geschenk!“  Schon sprach sie weiter: „Ich bin in Bad Ischl geboren. Mein Vater war ein Baumeister. Nein, er war nicht das, was man heute unter einem Baumeister versteht. Er hatte nur einen kleinen Betrieb, denn damals wurde noch mit ganz anderen Maschinen gebaut als heute. Ich habe Maschinenschreiben, Stenographie und Buchführung gelernt, um dann bei meinem Vater im Büro mitarbeiten zu können. Doch dann kam der Krieg dazwischen. Ich wurde einberufen, zu den Fliegern!“

Auf mein Erstaunen, dass sie als Frau einberufen worden war reagierte sie und fuhr fort:  „Ich sollte in ein großes Quartier der Flieger im Bad Ischl arbeiten, aber das wollte ich nicht. Stattdessen bekam ich eine Stelle beim Arbeitsamt. Doch ich konnte dort nicht lange arbeiten, denn ich musste für die Fliegerabwehr arbeiten und wurde nach Holland geschickt. Wissen Sie, da wäre es wirklich gescheiter gewesen ich hätte mich für Bad Ischl entschieden, denn dort war es sicher und gab immer ausreichend zu essen. Nun war ich also in Holland gelandet.  Wie Sie wissen ist Holland absolut flach und von oben kann man alles gut erkennen. Unsere Gebäude waren durch eine farblich passende Plane gut getarnt. Ich war, wie gesagt, für die Fliegerabwehr nachts eingeteilt. Wir waren drei Frauen. Jede hatte ein Funkgerät. Wir bekamen die Koordinaten verschlüsselt und die wurden dann in eine Karte eingezeichnet. Dadurch wurde die Flugroute sichtbar. Wir hatten Glück, denn  wir wurden nie bombardiert. Mein Bruder hatte weniger Glück, denn er starb in Frankreich.“ Wollen  Sie mir mehr darüber erzählen? „ Mein Bruder war in Frankreich stationiert und bekam eine Lungenentzündung. Damals durfte man noch reisen und so haben wir, meine Eltern und ich, ihn besucht. Leider verstarb er dort. Es sind viele Soldaten ziemlich schnell an Lungenentzündungen und anderen Krankheiten gestorben.“  Die Frage, ob das nur an den fehlenden Medikamenten lag, ließ sie im Raum stehen. Sie fuhr mit einem anderen Thema fort: „Bei einem Heimatbesuch lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Sehr schnell verlobten wir uns. Er war damals bei Murmansk stationiert. Für unsere Hochzeit bekamen wir nur zwei Wochen Heimaturlaub. Damit ich nicht länger für die Fliegerabwehr arbeiten musste, wäre es wichtig schnell schwanger zu werden.“ Sie sagte schmunzelnd: „Es war gar nicht so einfach das schnell zu erreichen, aber es gelang! Kurz darauf waren wir dort drei Frauen, die alle gekotzt haben. Die Vorgesetzten waren aber der Meinung, dass es kein Grund wäre um die Arbeit zu beenden. Bei einem weiteren Heimataufenthalt stellte sich heraus, dass ich noch beim Arbeitsamt angestellt war und nur für die Abwehr eingeteilt worden war. Daher konnte ich  bis kurz vor der Geburt meines Sohnes wieder im Büro arbeiten.“ Das Gespräch ging dann weiter über die jüngste Vergangenheit. Ihre positive Ausstrahlung verschwand und es sah so aus, als ob Tränen in ihren Augen schimmerten. „Meine Schwiegertochter  hat mich letzten Sommer ins Altersheim abgeschoben. Vorher hatte mich mein Sohn mich unterschreiben lassen dass ich auf mein Wohnrecht in der Wohnung, die ich ihm übergeben hatte, verzichte. Letztes Jahr bin ich gestürzt und habe mir die Schulter gebrochen. Nach dem Krankenhaus kontre ich meinen Haushalt nicht mehr alleine fortführen. Mein Sohn und die Schwiegertochter hatten während meines Krankenhausaufenthaltes einen Platz im Josefs Heim organisiert. Zuerst wurde behauptet, dass das nur eine vorrübergehende Lösung für vier Wochen wäre. Danach könne ich wieder nach Hause. Im Heim wurde ich so gut behandelt. Ich habe unheimlich viel Liebe erfahren. Bereits nach zwei Wochen wollte der Heimleiter von mir wissen ob ich das Zimmer behalten möchte und ich habe mich dafür entschieden. Dort ging es mir gut. Meine Kartenrunde durfte regelmäßig kommen und vom Heim aus gibt es viele Unternehmungen. Wir waren auch am Gardasee. Ich habe ein hübsches Einzelzimmer und zum Essen bekomme ich immer ein Glas Wein. Ja, es hat schon eine ganze Weile gedauert bis ich das verarbeitet habe. Ich habe viel geweint und geschrieben.“ 

Was haben Sie geschrieben? „Ich schreibe viele Gedichte und so kann ich alles besser verarbeiten.“ Sie las mir ihr Gedicht darüber vor, wie sie ins Heim kam und dort viel Liebe empfangen hat. Gerne hätte ich es abgeschrieben, denn es zeigte viel von ihrer Seele. Ob sie wirklich alles verarbeitet hat sei dahin gestellt, denn sie sprach wieder über ihre Schwiegertochter und dass bereits während ihres Krankenhausaufenthaltes an der Wohnung Umbauarbeiten stattfanden. Es war also schon länger geplant, sie ins Heim zu geben. Dann erzählte sie von ihrem zweiten Sohn, der inzwischen geschieden ist. „Ich  selbst habe mehr Kontakt zu seiner ehemaligen Frau, als zu ihm. An Weihnachten wollte ich nicht alleine sein und durfte bei der Frau und den Kindern mitfeiern. Inzwischen ist wieder ein Enkelsohn geboren, der demnächst getauft werden soll. Neulich wollte  ich mir für die Taufe etwas Hübsches zum Anziehen kaufen. Also bin ich nach dem Frühstückskaffee in die Stadt gegangen. In einem Kleidergeschäft  verfing sich mein Fuß in einer Teppichritze. Die  Verkäufer des Geschäftes waren alle sehr nett und schnell wurde ein Krankenwagen gerufen. Beim Sturz hatte ich mir den Oberschenkelhals gebrochen. Vor der Operation hatte ich am meisten Angst vor dem Kreuzstich (Anmerkung Periduralanästhesie).Schlimm war für mich, dass ich drei Tage auf die Operation warten musste, denn immer wieder kam ein Hubschrauber mit Frischverletzten, die schnell operiert werden mussten. Ich durfte nichts essen und auch nichts trinken. trinken. Durch den Flüssigkeitsmangel waren meine Nieren angegriffen worden.“

Doch sie beschwerte sich nicht. Sie wiederholte noch einmal:

„Wahrscheinlich ist es eine Gabe – ein Geschenk, dass ich trotz allem immer positiv geblieben bin“

Bevor ich ging sagte sie zu mir: „Sie können mich gerne wieder mal besuchen kommen. Dann zeige ich Ihnen noch mehr von dem, was ich geschrieben habe. Meinen Namen werden Sie wohl nicht vergessen. Ich heiße Apollonia. Nein, sie war keine Griechische Göttin, sondern eine Märtyrerin, eine Heilige. Im Innsbrucker Dom steht hinten im Altarraum eine kleine Statue von ihr.“  Ich verabschiedete mich und sie rief mir hinterher:“ Kommen Sie bald wieder, aber rufen Sie vorher an, damit ich nicht gerade unterwegs bin.“

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